Die kleine Tanne

 

Die kleine Tanne jammerte vor sich hin: „Ach sieh mich doch an, wie hässlich ich doch bin! Ich habe viel zu wenig’ Zweiglein und meine Nadeln sind ach so kurz. Und sieh, mein grün, ach wie hasse ich dieses hellgrün doch! Um mich herum alle Bäume haben schöne Farben, nur ich alleine fühle mich so hässlich!“

 

 

"Schau dort drüber, die Laubbäume, was haben sie doch gerade im Herbst für ein herrliches Farbenspiel. Dieses Rot, orange, gelb, braun, schwarz und ab und zu nur ein wenig grün. Wie schön müsste es doch sein, ein Laubbaum zu sein“, so sprach die kleine Tanne nun schon tagelang.

Die etwas größeren Tannenbäume hörten geduldig zu, und lächelten sie an um sie ein bisschen aufzumuntern. Man kann sich vorstellen, dass die kleine Tanne davon nicht ermutigt wurde. Im Gegenteil, sie schrie um sich: „Sogar meine eigene Tannenfamilie lacht mich aus, was habe ich doch für ein jämmerliches Leben!“

 

Nun, wie sie so, voll Ärger schrie, bemerkte sie im ersten Moment nicht, dass ein kleiner Vogel auf einem ihrer obersten Zweiglein Platz genommen hatte. Dieser lächelte nicht, als er das Leid der kleinen Tanne hörte, nein er schaute bestürzt drein und mitleidig. „Liebe Tanne, du tust mir wirklich leid, welch’ schlimmes Leben du hier wohl hast. Ich werde meine Freunde, die Tiere im Wald fragen, ob einer vielleicht weiß wie man dir helfen kann.“

Gesagt, getan, der Vogel verschwand und kam nach kurzer Zeit mit einem Hasen, einem Rehbock und einem Fuchs zurück.

Als die Tiere die Tanne mit ihrem unglücklichen Gesicht sahen, waren sie sich alle einig, diese Tanne war bestimmt die hässlichste am Orte. Und zusammen überlegten sie, wie sie das Los der Tanne mildern konnten. Der Hase meinte: „Liebe Tanne, ich finde deine Rückseite schöner als die Vorderseite“. Der Rehbock stimmte nach kurzer Besichtigung zu, und auch der Fuchs nickte und meinte: „Wie wäre es, wenn du dich ein bisschen beim Wachsen drehen würdest? Vielleicht musst du dich ein bisschen weg von der Sonne drehen, aber ich habe gesehen, dass so mancher Baum durch beharrliches Strecken, sich wirklich etwas verbiegen kann.“

Die Tanne war etwas getröstet, endlich hatte jemand ihren Schmerz erkannt, und wollte ihr doch tatsächlich helfen. Sie begann sofort den Rat zu befolgen. Sie spreizte sich etwas weg von der Sonne und hatte auch prompt Schmerzen am Stamm. Doch Schönheit muss leiden, und mit ihrem starken Willen schaffte sie es wirklich nach 3 Wochen beharrlichen Streckens, sich einen halben Millimeter zu verbiegen. Es würde noch ein paar Jahre dauern bis ihre schöne Rückseite zur Geltung kommen würde. Tja, so bog und bog sich die Tanne weiterhin.

Sie hörte auf zu Jammern und sah immer etwas gestresst, aber tapfer drein.

 

Als nach einem Jahr zufällig der Rehbock vorbeikam, schrie die Tanne ihm nach. „Hallo mein Freund, sag’, wie sehe ich aus? Bin ich schön?“

Der Rehbock, sah kaum einen Unterschied zum Vorjahr, mochte die Tanne jedoch nicht enttäuschen und so sagte er: „Ja, gewiss, wenn du so weitermachst, wirst du im nächsten Jahr noch schöner sein.“

„Danke“, sagte die Tanne und strahlte ein bisschen, doch gleich begann sie sich mit noch mehr Kraft zu verbiegen und ihr Gesicht wurde wieder tapfer und streng.

Der Rehbock grüßte noch recht freundlich und ging seines Weges. Auch der Vogel kam am gleichen Tage vorbei um zu sehen, wie es der hässlichen Tanne ginge.

„Du, Vogelfreund, sag, bin ich schön?“

Der Vogel sah kaum einen Unterschied zum Vorjahr, außer, dass die Tanne ein sehr verbissenes Gesicht hatte. Doch er war ein ehrlicher Vogel und er wollte der Tanne wirklich helfen. „Liebe Tanne“, sagte er, „es tut mir leid ich sehe, außer dass du einen sehr strengen Blick hast kaum Veränderungen“.

Vor lauter Schreck ließ die Tanne ihre Streckung los und schrie den Vogel an: „Du Heuchler, du Spinner, siehst du denn nicht, wie sehr ich mich bemühe schön zu sein und wie weit ich mich schon von meinem Platz weggedreht habe!“

Etwas verschreckt, doch weiterhin ehrlich sagte der Vogel, „Nein.“

„Dann geh weg du blinder Dummvogel, ich will dich nie mehr wieder sehen!“

Das Vöglein, grüßte nochmals zum Abschied und flog weiter.

Doch irgendwie ließ es dem Vogel keine Ruhe, er mochte die kleine Tanne gut leiden und wollte ihr immer noch helfen. So besuchte er die kluge Eule, die nicht weit von ihm wohnte.

Als er die Sorgengeschichte der Eule vorgetragen hatte, sprach diese: “Man weiß im ganzen Wald von meiner Kunst des Sehens. Ich kann dir versichern, dass die kleine Tanne sehr bald schön sein wird. So schön, wie sie es immer gewünscht hat.“

„Ja, aber liebe, kluge Eule, was kann ich der Tanne sagen, damit sie schon jetzt tröstlicher gestimmt wird?“

„Nun denn, sag ihr, sie soll aufhören sich zu verbiegen, sehr bald wird ein wunderschönes Kleid vom Himmel fallen und sie wird so schön sein, dass kein anderer Baum, weder Laub- noch Nadelbaum schöner sein wird als sie.

Liebe Grüße von der klugen Eule, richte ihr aus!

 

Schnell, so schnell ihn seine Flügelein trugen, flog der Vogel zurück zum Tannenbäumchen, um die frohe Nachricht zu überbringen. Als er jedoch am obersten Ast landen wollte schrie ihm die Tanne entgegen: „Scher dich weg, du Verräter, ich will dich nicht mehr sehen!“

„Aber Tanne, liebe, süße, traurige, kleine Tanne ich soll dir eine Nachricht überbringen, die kommt von der klugen Eule im Wald. Sie sagt, hör auf dich zu biegen und warte auf ein schönes Kleid, das bald für dich vom Himmel fällt und niemand wird mehr schöner sein als du.“

„Ha“, lachte die Tanne bitter, „ich glaube dir kein Wort“, und fuhr fort mit ihrer Streckübung.

„Du wirst es sehen“, zwitscherte das Vöglein nochmals zurück und flog seines Weges.

 

Einige Monate vergingen und es war Weihnachtszeit, da erinnerte sich der Vogel an die kleine Tanne und konnte nicht widerstehen zu ihr zu fliegen.

Es schneite und der Flug dauerte wohl doppelt solange wie normalerweise. Als der Vogel ankam, konnte er die Tanne nicht finden. Überall wohin er sah, war alles rund um ihn in herrliches Weiß getaucht, er sah schöne weiße Formen in allen Größen. Als er schon die Kehrtwende einleitete und Richtung Heimat ansetzen wollte, schrie ihm ein Stimme nach, die ihm irgendwie bekannt und doch unbekannt vorkam.

„Hallo Vogelfreund, hier bin ich, siehst du, ich bin schön!“