Der Traum

 

Zwei wunderhübsche Vöglein sitzen ganz oben in der Krone eines alten Baumes inmitten eines schon vor hunderten von Jahren angelegten Gartens.

Die Sonne wärmt behutsam ihr Federkleid während sie sich miteinander unterhalten.

Der erste Vogel beginnt zu schwärmen: Ach wie herrlich ist dieses, mein Vogelleben. Sieh nur wie schön wir es haben. So gute Luft zum atmen und eine atemberaubende Aussicht auf die schönen alten Gebäude  und Brunnen, ich kann mir im Moment nichts Besseres vorstellen.

Der andere Vogel sieht ebenfalls zufrieden drein und dreht genüsslich sein Köpfchen in alle Richtungen. Jawohl du hast vollkommen recht. Weißt du was ich zugern wissen möchte?

Ich möchte wissen wer um alles in der Welt sorgt dafür, dass es uns so gut geht. Wer hat geplant, dass dieser Baum unter uns entsteht und so lange wachsen durfte, dass er schließlich so hoch und stolz über alle anderen hinweg ragt?

Der erste Vogel legt sein Köpfchen etwas schief um besser nachdenken zu können. Schließlich meint er nach einer Weile:

Psst, der Baum flüstert mir was zu, er erzählt das er noch bevor er ein Baum war, einen Traum hatte, der genauso aussah, wie wir ihn jetzt genießen können.

Hm, ich verstehe nicht ganz,  er soll uns von diesem Traum erzählen.

Ja, er sagt, es klingt wie ein Märchen, hör zu:

Es war einmal ein Tannenzapfen, der ziemlich hoch auf einem Baume hing. Er fühlte sich so klein und unnütz und hatte doch sehr große Träume.

So träumte er davon die größte Tanne im Garten zu sein, alle anderen zu überragen um die vielen Lebewesen mit seinen ausladenden Ästen zu schützen.  Es wurde im ganz warm dabei, wie er sich seinen Traum mit allen Farben und Düften ausmalte.

Eines Tages kam ein wilder Sturmwind und der Tannenzapfen wurde von seinem Ast abgeworfen. Es war ein Sturz aus Allerhöchster Höhe. Es ging so schnell, dass erst gar keine Angst aufkam und so lag der Zapfen auf der Erde. Manch Getier lief über ihn hinweg, auch wurde er etwas angeknabbert. Schließlich legte sich eine feine Schicht Erde über ihn. Nach einiger Zeit begann er zu keimen und langsam schob sich ein kleines Stämmchen durch die Erde hindurch Richtung Sonne. Er wuchs und wuchs zu Fuße der Muttertanne. Als er schon eine beachtliche Größe hatte, holzten die Arbeiter den Mutterbaum ab, denn er war schon eine Gefahr für die umliegenden Gebäude geworden. So konnte der neue Baum ungehindert weiterwachsen. Die Jahrhunderte vergingen und kein Mensch kam auf die Idee den Baum am Wachstum zu hindern. Denn schließlich war in unmittelbarer Nähe immer schon ein großer mächtiger Baum gestanden. Bis zum heutigen Tage hat sich der Traum verwirklicht. Ist das nicht schön?

Ja, toll wirklich wundervoll sagt das eine Vöglein. Du, jetzt habe ich plötzlich Hunger bekommen. Tannenzapfen sind auch etwas Bekömmliches für einen Vogelmagen. Hier unter mir hängt einer, ich werde mich sogleich daran laben.

Nein, bitte tue das nicht! Der Baum sagt mir, dass dieser besondere Tannenzapfen auserwählt ist, der nächste große Tannenbaum zu werden, wie würdest du da unselig eingreifen!

Nimm dir einen anderen Zapfen. Dieser dort unten ist auch sehr groß und sieht bekömmlich aus und er hat den Traum endlich Futter für ein hungriges Vöglein zu werden.

 

Constanze Maria Geiger (c) Juni 2011